ACHTUNG!
SPOILER-ALARM!
Falls die Con ein weiteres Mal stattfinden sollte, rate ich potentiellen Teilnehmern diesen Beitrag NICHT zu lesen, da auf wichtige Spielelemente eingegangen wird und ich niemandem den Spaß verderben möchte !!!
SPOILER-ENDE
“The Living Dead” wurde als experimentelles Liverollenspiel für geistig stabile Erwachsene angekündigt und fand zwischen dem 29. und 31.10.2010 in der Nähe von Simmern statt. Im Gegensatz zu gewöhnlichen LARPs wurden die Charaktere von der SL vorgegeben.
Untot e.V. Die Con spielt im Jahr 1984 und man ist Mitglied in einem Zombie-Club. Günther, der Vorsitzende hat im Hunsrück eine Entdeckung gemacht, die die Existenz von Zombies endgültig beweisen könnte…
Einstimmung Schon einige Wochen vor der Con wurde man mit insgesamt 3 Ausgaben des Vereinsmagazines auf die Con eingestimmt. Später gab es dann erst das Charakterkonzept als MP3-Preview und ca. zwei Wochen vor der Con dann den kompletten Charakter als MP3.
Mein Charakter hiess dabei Wilfried Breuer und war ein pflichtbewusster Versicherungssachbearbeiter.
Pünktlich, unauffällig … und eine perverse Sau. Hinter der Biedermann-Fassade fühlte sich Günther nämlich von Leichen sexuell angezogen.
Aufwärmen: Die Teilnehmer der Veranstaltung sollten am Fr. bis spätestens 16 Uhr bei der Location sein, da dann schon ein Warm-Up Workshop stattfand. Im Rahmen des Workshops haben wir erst einige Rollenspiel-Aufwärmübungen, Regelkunde und Kennenlern-Spiele (In-Time) gemacht und auch Charakterbilder geschossen. Dabei wurden von jedem Teilnehmer zwei Arten von Bildern gemacht. Einmal wie der Charakter nach aussen hin wirken soll und später dann (ohne das die anderen dabei waren), wie der Charakter in Wirklichkeit ist. Dabei entstanden echt richtig, richtig tolle Bilder.
Zum Ende des Workshops hat Teena dann mit uns autogenes Training gemacht und dadurch das Spiel eingeleitet. Fand ich super… Man kommt zur Ruhe, lässt seine Out-Time Gedanken hinter sich und findet in den Charakter.
In die Klappse! Unsere Charaktere trafen sich mit dem Vorsitzenden in der Nähe einer medizinischen Einrichtung. Günther kam dort mit einer Feuerwehraxt auf uns zu und teilte uns mit, dass “alles stimmt” und das es in dem Laden tatsächlich Zombies gibt. Um uns das genauer anzusehen, sind wir in das Haus “geschlichen” (Vermutlich waren wir so leise wie ein ICE). Im Haus fanden wir dann tatsächlich einen Raum in dem es Patienten gab. Ob Zombies oder nicht, war nicht wirklich offensichtlich, aber da einer Günther biss, zerstückelte dieser den Patienten mit der Axt. Dummerweise lösten wir bei unseren Einbruch aber auch einen Alarm aus und der Raum wurde einige Sekunden später von einer Horde Soldaten gestürmt, welche uns in eine Ecke trieben, wo wir uns mit erhobenen Händen hinzuknien hatten.
Im Verlauf der nächsten Stunde wurde uns dann gesagt, dass wir auf amerikanischen Territorium seien und einer nach dem anderen wurde durchsucht und aus den Raum gebracht. Unglaublich, wie viele Charaktere Messer, Pistolen etc. dabei hatten. Mein Char. war jedenfalls geschockt.
Duschen Nach der Durchsuchung ging es ins Bad, wo man von einem Arzt und einem Pfleger begrüsst wurde und sich dann duschen durfte, bevor man Anstalts-Kleidung (Unterhose, T-Shirt, Socken, Pantoffel & Leibchen) bekam und auf ein Zimmer gebracht wurde. Bei den beiden Zimmern herrschte dann strikte Geschlechtertrennung.
Gewaltspirale Natürlich fanden wir, dass wir zu unrecht eingesperrt wurden und machten uns ans Pläne schmieden. Aber egal was wir versuchten, wir mussten Gewalt anwenden um herauszukommen und es scheiterte jedes Mal. Die Soldaten hatten Gewehre, die Pfleger Elektroschocker und wir nur Decken oder einen Kulli.
Kein Kuchen, keine bestechlichen Wachen, keine lockeren Gitterstäbe.
Nachdem ein weiterer Versuch mit einem zweckentfremdeten Kugelschreiber scheiterte, wurden wir einzeln aus dem Zimmer gezogen und nach einer “etwas” ungemütlichen Wartezeit einzeln durchsucht. Unsere Zelle wurde in der Zeit von den Wachen komplett durchsucht und entsprechend verwüstet, um weitere Waffen auszuschliessen.
Die Nurse geht mit Da wir auf unserem Zimmer kein Klo hatten, mussten wir jedesmal einen Pfleger rufen der Pfleger begleitete uns dann bis zum Klo und In Time kam die “Nurse” dann mit uns in die Kabine, um aufzupassen, dass wir keinen Mist machen. “Nurse” war hierbei ein Codewort dafür, dass man es selbst machen soll. Also es schaute einem natürlich niemand beim pinkeln über die Schulter.
Morgenhygiene Nachdem wir die Nacht dann auch irgendwie rumbekommen haben (netterweise liess uns die SL irgendwann in Ruhe und sogar bis 8 schlafen) wurden wir morgens in Dreiergruppen aus dem Zimmer geholt, um uns die Zähne zu putzen. Dabei bekam jeder die Zahnpasta auf den Finger und eine eigene Zahnbürste in die Hand. Dannach wurden wir neu eingekleidet und statt Leibchen gab es nun für alle Jogginganzüge.
Später gab es dann Frühstück, bei dem wir wieder in Dreiergruppen aus der Zelle kamen und gemeinsam mit drei Damen aus dem Nebenzimmer (mit denen wir bis dahin NULL Kontakt hatten) das Frühstück einnehmen durften. Für alle gab es genau ein Messer und Löffel wurden nur abgezählt rausgegeben. Es gab seitens der Wachen die Ansage, dass das Frühstück für die komplette Gruppe beendet ist, sobald einer Mist macht. Wir haben uns natürlich alle entsprechend vorbildlich benommen.
Später gab es dann (zumindest für mich) eine Einzelsitzung bei Dr. Botox und Frau Dr. Bach. Das Thema der Einzelsitzung bewegte sich in Richtung Wilfrieds sexuelle Vorlieben, wobei Wilfried natürlich sehr bemüht war, seine spiessbürgerliche Fassade aufrecht zu erhalten.
Während des Gesprächs fiel dem Doktor dann “zufällig” eine tote Fliege aus dem Mund, aber Wilfried hat sich dazu auch nicht geäussert, da er natürlich nicht als verrückt gelten wollte, sondern möglichst unauffällig irgendwie durch dieses Missverständnis kommen wollte.
Beruhigungsmittel Nachdem der restliche morgen aus Zellenaufenthalt und endlose Wiederholungen der Ausbruchspläne bestand, gab es beim Mittagessen einen Linseneintopf, welcher starkes Beruhigungsmittel beinhaltete, so dass uns nach dem Essen ziemlich nach Mittagsschlaf war.
Nach dem Mittagsschlaf gab es dann eine Gruppensitzung, welche wieder ein autogenes Training war. Dabei unternahmen wir einen Zeitsprung und wachte im Dezember 1985 auf. Wir hatten uns mit der Situation abgefunden und waren nun schon gute 400 Tage in der Irrenanstalt.
1985 Im Gegensatz zu 1984 sah man uns nach einem Jahr Aufenthalt nicht mehr als Bedrohung an, so dass wir uns in der Klinik frei bewegen durften. Wir konnten Musik hören, in Zeitschriften blättern, Bilder malen, mit Knetgummi spielen oder sonstwas tun. Die Deko wurde für 1985 extra geändert. So gab es trotlosen Weihnachtsschmuck unter Leuchtstoffröhren, ein anderes Bild von Präsident Reagan im Aufenthaltsraum etc.
Irgendwann fiel eine Mitinsassin (nicht aus unserer Gruppe) über Leute von uns her und versuchte sie zu beissen. Da sie aber vom Dienstpersonal anscheinend nicht gesehen wurde, bekamen unsere Leute stattdessen Beruhigungsspritzen, weil sie offenbar einen Anfall hatten.
Das Ende Als es dann irgendwann eine weitere Gruppentherapie geben sollte, sassen wir zwar im Kreis, weigerten uns aber an der Therapie teilzunehmen und pfiffen stattdessen Pipi Langstrumpf. Die Situation eskalierte, einer von uns entwendete einem Pfleger eine Pistole, schoss ihm ins Gesicht und wir machten einen weiteren Fluchtversuch, welcher dieses Mal sogar klappte… Damit endete das Spiel.
Reflexion Nachdem wir uns alle dann erstmal kräftig auf die Schulter klopften, bat uns die SL, dass wir gänzlich aus der Rolle schlüpfen sollten, indem wir die Anstaltskleidung ablegten.
Dannach haben wir uns im Aufenthaltsraum getroffen, um kurz über ein paar Dinge zu reflektieren und um uns die Bilder anzusehen, die Larson geschossen hat. Der Rest des Abends wurde mit feiern verbracht. Sonntag morgen trafen wir uns dann nach dem Frühstück erneut, um über das erlebte zu reflektieren, dabei gab es einzelne Fragen und einen Fragezettel, den man bei einem halbstündigen Sparziergang in zufälligen Dreiergruppen besprechen sollte. Nachdem die Antworten dann hinterher im Plenum kurz vorgestellt wurden, gab es noch Mittag, auf das meine Fahrgemeinschaft dann aber verzichtet hat.
Orga Es gab wohl einige NSC/SL-Ausfälle. Aber drauf geschissen. Ich fand die Orga hatte zu jedem Zeitpunkt alles im Griff und ich fühlte mich immer gut aufgehoben. Da mein Nachbar dummerweise den Autoschlüssel im Auto eingeschlossen hatte, mussten wir uns auch mit einem konkreten Problem an die Orga wenden und es war alles super. Das wir das Auto dann doch nicht vom ADAC knacken lassen mussten, war einem sehr engagierten NSC zu verdanken (Danke nochmal)! Auch die Möglichkeit mit dem Outroom (wenn man nicht mehr konnte/wollte) fand ich super. Ich weiss nicht wie oft er genutzt wurde, aber die Idee war in Anbetracht der Umstände wirklich gut.
Spieler Sämtliche Spieler waren Mitglied im Zombie-Fanclub und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Die einen waren Verschwörungstheoretiker, die anderen Filmfans auf der Suche nach ´nem Kick. Alle hatten aber irgendwo auch dunkle Seiten und Geheimnisse. Durch die Kommunikation der SL im Vorfeld, kannte jeder Charakter ein paar andere und durch die Kennenlern-Spiele wurde man auch mit den Spielern und den Charakteren persönlich bekannt gemacht, was ich als echt nützlich empfand.
NSC´s Super. Die harten Soldaten, das Pflegepersonal, die Ärzte. Die Rollen waren gut besetzt und sehr glaubhaft. Hier und da fiel zwar auf, dass da Leute gefehlt haben, aber es hat für mich persönlich den Spielspass nicht gemindert.
Was nehme ich mit? Die Con hatte “Gewalt” als Thema und ich fand es interessant zu sehen, wie einem in so einer Situation die Hände gebunden waren. Egal was wir Spieler machten, wir rannten fast immer gegen eine Wand und wurden entsprechend bestraft (siehe Zimmeraufräumaktion).
Was ich auch als bedrückend empfand war die Enge und Monotonie in der Anstalt. Gerade Samstag morgen wurde mir das Zimmer doch arg zu klein und ich fühlte mich wie ein Löwe im Käfig (oder wie ein Thunfisch
). Als wir uns dann 1985 die ganze Anstalt anschauen durften, war die Trostlosigkeit echt bedrückend. Ich kann mir nicht vorstellen jeden Tag mit Knete zu spielen und Bilder zu malen, um die Zeit irgendwie rum zu bekommen. Schreckliche Vorstellung.
Fazit Wow! Ich bin immer noch ziemlich geflasht und würde mich sofort wieder auf eine ähnliche Veranstaltung anmelden. Ich hatte im Vorfeld gigantische Erwartungen an die Con und sie wurden weitesgehend hervorragend erfüllt.
Auch Sachen die ich im Vorfeld von der idee nicht so toll fand (ich fahre z.B. Sonntags früh) ergaben total Sinn und es hat einach sehr gut ins Konzept gepasst.
Als kleinen Kritikpunkt kann man sagen, dass für mich das Spiel zu früh zu Ende war. Aber hey, das hatten schliesslich wir aufsässigen Spieler selbst zu verantworten.
Ich fand es auch schade, dass wir unsere coolen Kostüme nur sehr kurz tragen konnten, aber alles andere hätte nicht gepasst, daher geht das voll in Ordnung.
Diese Art Cons von dem Orga-Team kann ich uneingeschränkt weiter empfehlen, allerdings sollte man da wirklich für eine andere Art Larp bereit sein und vielleicht emotional mit nicht ganz so einfachen Dingen (siehe Orga-HP) klar kommen können.